Annehmen was ist und Kraft gewinnen

Annehmen was ist und Kraft gewinnen

Wenn man in einer belastenden Situation nichts weiter tun kann, heißt es häufig: „Du musst das einfach akzeptieren!“ So einfach? Und ist annehmen was ist denn nicht eine Niederlage? Ich zeige Ihnen, worum es wirklich geht und warum Sie dabei nichts verlieren, sondern sogar an Kraft gewinnen können.

Annehmen was ist, auch wenn man es nicht mag?

Es gibt zahlreiche Situationen, in denen wir etwas anders haben wollen als es ist. Manchmal ist es eine nur kurze Sache. Man bekommt zum Beispiel im Restaurant einen schlechteren Tisch als man wollte. Dennoch kann es einem den Abend verderben, weil man unzufrieden bleibt. Etwas länger beschäftigen einen da vielleicht andere Fälle, zum Beispiel die Angewohnheit eines Kollegen, die einem auf die Nerven geht.

Viele Menschen sind einfach auch mit sich selbst unzufrieden, können kaum mit Wohlgefühl in den Spiegel schauen. Und da gibt es natürlich auch Ereignisse, die einen geradezu aus der Bahn werfen können, zum Beispiel ein Unglück oder eine Krankheit.

Da klingt „akzeptieren müssen“ nicht gerade wie eine Lösung, sondern eher wie das Eingeständnis eines Misserfolgs. Man ist frustriert, enttäuscht, ärgert sich oder ist genervt. Soll man denn den Kampf einfach so aufgeben und hinnehmen, was man nicht will?

Etwas Unausweichliches akzeptieren, um weniger zu leiden

Diese Gefühle dürfen alle sein! Doch wir leiden auch dabei. Wenn wir das nicht mehr wollen, dann kommen wir nicht umhin, uns folgenden Zusammenhang näher anzuschauen. Für gewöhnlich können wir eine Situation nicht einfach betrachten, wie sie ist. Wir bewerten sie automatisch. Wenn wir sie als negativ einordnen und ablehnen, erzeugen wir unbewusst auch ein ablehnendes Gefühl dazu. Das macht es dann so schwer.

Leiden wird nämlich nicht durch die Sache an sich verursacht, sondern durch die individuelle Reaktion darauf. Sich zu ärgern ist leiden, enttäuscht zu sein ist leiden, frustriert zu sein ist leiden, usw.

Was also wäre, wenn es Ihnen gelingen würde, auf ablehnende Gefühle zu verzichten? Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie in der betreffenden Situation Ihren inneren Widerstand loslassen könnten? Die meisten antworten darauf: gelassener, freier, in Frieden u. ä. Das ist in der Tat, was wir gewinnen, wenn wir etwas akzeptieren, wie es ist.

Viele Menschen haben das auch geschafft trotz widrigster Umstände. Die meisten betonen dabei, dass es ihnen nicht trotz, sondern gerade wegen der Schwierigkeiten gelungen ist. Als sie nämlich endlich annehmen konnten, was passiert ist, hätten sie sich befreit gefühlt. Am Ende habe ihnen ihr Unfall, die Krankheit oder der Schicksalsschlag sogar geholfen, zu erkennen, was wirklich wichtig ist. Das mache sie nun viel gelassener, auch in anderen Situationen. Im Grunde wollen wir das alle. Doch warum fällt es uns so schwer?

Warum fällt annehmen was ist meist so schwer?

Da ist zum einen die nicht hinterfragte Überzeugung, man würde unterliegen, wenn man etwas annimmt, was man so nicht wollte. Doch was genau würde man denn verlieren, wenn man akzeptiert, was eh schon geschehen ist?

Zum anderen fällt es Vielen auch deswegen schwer, weil sie denken, dass sie das auch noch gut finden müssten, was sie stört. Doch darum geht es gerade nicht. Vielmehr bedeutet annehmen was ist, eine Sache zu akzeptieren, wie sie eben ist, weder schöngefärbt noch dramatisiert. Es werden da keine negativen Aspekte verdrängt, aber man macht aus ihnen auch keine Geschichte.

Und es gibt auch noch die Vorstellung, dass man dann nichts mehr zur Verbesserung unternehmen darf oder kann, wenn man in einer schwierigen Situation mit Gelassenheit reagiert. Ärger, Frustration und solche Gefühle machen einen zwar kämpferisch. Doch notwendige Schritte lassen sich auch ganz ohne Kampf durchführen, meist sogar besser.

Stellen Sie sich vor, jemand gerät in einen Regenguss. Der könnte über das scheußliche Wetter schimpfen, frustriert durch die Pfützen stapfen und sich ärgern, den Schirm vergessen zu haben. Den Regen anzunehmen, wie er ist, heißt aber nun keineswegs, dass derjenige nichts gegen das Nasswerden tun darf.

Es bedeutet lediglich, eine innere Haltung des Gleichmuts einzunehmen („Es ist, wie es ist. Es regnet in Strömen“). Dabei betrachtet man die Situation ohne den ganzen emotionalen Aufwand, sondern schaut sich schlicht nach einer Möglichkeit zum Unterstellen um.

Gleichmut erfordert in der Tat auch etwas Mut, denn wir fühlen uns meist von einem recht hinderlichen Glaubenssatz angetrieben. Der lautet ungefähr so: „Du musst kämpfen!“ Nicht zu kämpfen sei ein Eingeständnis von Schwäche.

Tatsächlich aber schwächen einen die ganzen Gefühle, die der innere Widerstand mit sich bringt. Sie schränken auch noch die Wahrnehmung ein. Man übersieht dann womöglich sogar noch die eine oder andere Verbesserungsmöglichkeit.

Warum annehmen was ist Kraft freisetzt

Solange man also an den gewohnten, ablehnenden Gefühlen festhält, raubt man sich selbst die Kraft. Akzeptiert man dagegen eine Situation wie sie ist, wird diese Energie frei.

Anzunehmen was ist gelingt hin und wieder überraschend schnell. Das geht zum Beispiel dann, wenn das Ereignis so heftig ist, dass man gar nicht anders kann. Manche Menschen, deren Haus abgebrannt ist oder überschwemmt wurde, berichten von dieser annehmenden Haltung: „So ist es, ich kann es nicht ändern. Jetzt kremple ich die Ärmel hoch.“

Für die meisten von uns ist es jedoch ein Prozess. Man muss üben und die genannten Zusammenhänge immer wieder betrachten. Wo kann man diese Fähigkeit lernen? Zum einen natürlich in Ihrer persönlichen Lebenssituation. Da gibt es sicher viele Herausforderungen und für Sie wahrscheinlich auch schmerzhafte.

Darüber hinaus lässt sich immer dann üben, wenn etwas zunächst Unannehmbares passiert. Eine richtig gute Gelegenheit bietet sich in der Schlange vor der Supermarktkasse an, besonders dann, wenn man es eilig hat. Es geht auch beim Wetter. Es kommt einem ja entweder zu warm vor oder es regnet zu viel oder es ist zu kalt für den jeweiligen Monat usw. Wenn es also das nächste Mal seit vielen Tagen nur noch regnet, könnten Sie die Übung anwenden und ganz schlicht sagen: „Es regnet. So ist es.“

Am Ende könnte es sogar passieren, dass Sie überrascht sind, weil Sie den Regen und den grauen Himmel auf einmal schön finden. Wie das? Vielleicht, weil Sie innerlich ganz still geworden sind und die Dinge nun aus der Stille heraus betrachten.

 

Dipl.-Psych. Anna-Maria Steyer

Dipl.-Psych. Anna-Maria Steyer, Beraterin, Trainerin und Supervisorin inspiriert ihre Klienten und Kunden, innere Leichtigkeit wiederzuentdecken und kraftvolle Lösungen in schwierigen Situationen zu finden