Die innere Kraft neu entdecken

Die innere Kraft neu entdecken

Kritische Lebensereignisse und Krisen möchte niemand erleben. Und doch führt gerade die Bewältigung von Schwierigkeiten dazu, dass wir Lebensklugheit und innere Kraft gewinnen. Um sich dieser inneren Stärke bewusst zu werden, zeige ich in diesem Beitrag eine Übung mit Sofortwirkung auf.

Innere Kraft – was ist das?

Mitten in einer belastenden Lebenssituation versucht man, mit den Schwierigkeiten irgendwie fertig zu werden. Dabei nimmt sich kaum jemand als energiegeladen, kompetent oder stark wahr. Im Gegenteil, man erlebt viele emotionale Tiefpunkte.

Ist es da realistisch anzunehmen, dass noch irgendwo in einem Kraft stecken könnte, die man nur zu erkennen braucht? Und was heißt eigentlich, innere Kraft zu haben?

Dazu gehören auf der einen Seite die Erfahrungen und Erkenntnisse, die man während der Auseinandersetzung mit den Belastungen macht. Denn das, was man dabei über sich selbst, über andere und über das Leben lernt, ermöglicht ja erst, geeignete Strategien zur Bewältigung der Schwierigkeiten zu entwickeln.

Auf der anderen Seite erwirbt man im Bewältigungsprozess auch neue Fähigkeiten. Man ist ja gezwungen, mit Anspannung, Schmerzen, Angst und vielen anderen emotionalen, körperlichen und sozialen Problemen umzugehen. Dabei muss man seine Herangehensweise ändern, persönliche Bewältigungstechniken entwickeln und neue Gewohnheiten bilden.

Viele Menschen lösen sich auch von Altem. Sie misten unbrauchbar gewordene Dinge aus und legen so manche schlechte Angewohnheit ab (s.a. Ausmisten für die Seele).

Innere Kraft durch Bewältigung einer Krise

Den meisten ist aber erst einmal gar nicht bewusst, dass sie durch das Bemühen um Krisenbewältigung, also gerade durch das Schwere, so viel Wertvolles erworben haben und weiter erwerben.

Es ist wie mit der Schwerkraft, die uns auf der Erde nach unten zieht. Erst diese ermöglicht überhaupt das Wachstum nach oben. In der Schwerelosigkeit baut die Muskulatur dagegen sehr schnell ab. Es gibt ja nichts, wogegen man sich da aufrichten müsste.

Thich Nhat Hanh, der Anfang 2022 mit 95 Jahren verstorbene und weltbekannte Meditationsmeister, gebrauchte ein ähnliches Bild: „Auch die Lotusblume braucht Schlamm, um zu gedeihen. Sie wächst nicht auf Marmor.“

Ich mache in Seminaren daher oft eine Übung, die die Teilnehmenden wieder in Kontakt mit ihrer inneren Kraft bringt. Sie sollen zunächst aufschreiben, was an der durchlebten Krise besonders schwer für sie war. Danach sollen sie aufzählen und sich anschließend darüber austauschen, was sie durch die Bewältigung gerade dieser Schwierigkeiten an wichtigen Erkenntnissen und Fähigkeiten gewonnen haben.

In dieser Weise haben die wenigsten bisher ihre Probleme betrachtet. Daher brauchen manche zunächst eine Weile, um nicht nur die Schwierigkeiten zu sehen, sondern auch die dabei erworbene innere Kraft zu erkennen. Wenn das passiert, dann geht ein regelrechter Ruck durch die Gruppe.

Den Menschen wird nämlich klar, wie viele wertvolle Eigenschaften und wie viel neues Können sie während der schweren Zeiten entwickelt haben. Das Wichtigste dabei ist: Ihnen wird bewusst, dass sie das nicht mehr missen möchten.

Viele erkennen auch, wie selbstkritisch sie mit sich waren (s.a. Selbstachtung statt Selbstkritik) und dass sie jetzt stolz auf sich sein können.

Die gewonnene innere Kraft erkennen – eine Übung

Vielleicht möchten Sie diese kleine Übung auch für sich zuhause durchführen? Nehmen Sie sich dafür ein paar Minuten ungestörte Zeit, Papier und Stift.

Die Übung entfaltet eine stärkere Wirkung, wenn Sie die Antworten wirklich aufschreiben. Sie werden dabei für sich wahrscheinlich Ähnliches entdecken wie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in meinen Seminaren.

Hier ist eine Auswahl an Schätzen, die bei der Bewältigung von Krisen gefunden wurden:

  • Ich bin zur Selbstliebe gekommen
  • Ich habe Selbstvertrauen gewonnen
  • Ich habe jetzt Mut, zu mir zu stehen
  • Ich bin es, die mir helfen kann
  • Ich bin stolz, dass ich mich durchgekämpft habe
  • Durch die Krankheit ist bei mir regelrecht ein Schalter umgelegt worden: Ich lebe heute!
  • Ich bin ausgeglichener geworden
  • Ich habe mehr Ausdauer und Mut bekommen
  • Ich kann heute besser zuhören
  • Ich kann mich jetzt leichter öffnen und besser mitteilen
  • Ich bin umgänglicher geworden
  • Ich erlebe eine neue Tiefe mit anderen

6 wichtige Prinzipien zum Umgang mit belastenden Situationen

Die gewonnen Erkenntnisse sind keine abstrakten Tipps. Sie entspringen der unmittelbaren Erfahrung derjenigen, die einer Belastung nicht ausweichen konnten und sich ihr gestellt haben. Sie zeigen uns, was wirklich hilft und was lohnt, sich anzueignen.

Ich habe die gesammelten Erkenntnisse wörtlich übernommen. Einige davon habe ich zu meinen Beiträgen verlinkt, in denen ich diese Prinzipien näher behandle und hilfreiche Techniken vorstelle.

1. Annehmen, was ist
2. Selbstliebe
  • Sich annehmen, egal, was andere denken
  • Zu sich und den eigenen Bedürfnissen stehen
  • Sich nicht mehr selbst kritisieren und herunterziehen
3. Abgrenzung von Negativem
  • Ignorieren, was Andere an Negativem sagen
  • Wichtig ist, nicht nur die Krankheit oder das Problem zu sehen
  • Dankbarkeit für kleine Gesten und Dinge
4. Gut für sich sorgen
5. Im Jetzt sein
  • Sich auf das Jetzt konzentrieren
  • Loslassen von Vorstellungen, wie es sein sollte
  • Weniger grübeln
  • Freude an kleinen Dingen finden
6. Aktiv bleiben und nicht aufgeben
  • Sich nicht hängen lassen
  • In Bewegung bleiben und das Leben aktiv gestalten
  • Informationen suchen und Wissen erwerben; nicht nur auf Lehrmeinungen vertrauen
  • Niemals aufgeben

Wenn Sie Ihre eigene Liste haben, schauen Sie immer wieder mal drauf, ergänzen Sie sie mit der Zeit und schöpfen Sie aus ihr.

 

Dipl.-Psych. Anna-Maria Steyer, Beraterin, Trainerin und Supervisorin inspiriert ihre Klienten und Kunden, innere Leichtigkeit wiederzuentdecken und kraftvolle Lösungen in schwierigen Situationen zu finden

 

Beitragsfoto: Pixabay