Eine meist kritische innere Stimme – wer kennt die nicht? Oft bemerken wir die Selbstkritik gar nicht, weil wir es gewohnt sind, in irgendeiner Form mit uns unzufrieden zu sein. Doch was wäre, wenn wir lernen könnten, uns selbst beizustehen, statt uns kleinzumachen? Die einfache, aber wirkungsvolle Technik, die ich hier vorstelle, kann ein guter Anfang sein.
Selbstkritik – nützlich oder hinerlich?
Schwierige oder misslungene Situationen können uns auch zeigen, was wir beim nächsten Mal anders machen möchten. Selbstkritik kann hilfreich sein, wenn wir eine Situation ehrlich betrachten, ohne uns dabei selbst abzuwerten.
Meist jedoch tun wir genau das nicht. Mit uns selbst sprechen wir selten freundlich, warm und verständnisvoll. Stattdessen hören wir innere Vorwürfe wie: „Wie konnte ich nur so blöd sein!“, „Hätte ich doch bloß …!“
Achten Sie einmal darauf, wie Sie innerlich mit sich sprechen, wenn Sie unzufrieden mit sich, Ihrem Verhalten oder Ihren Entscheidungen sind.
Warum gehen wir hart mit uns um?
Hinter solcher Selbstkritik steckt oft die Botschaft: ‚Du bist nicht gut genug.‘ Doch das hilft nicht, im Gegenteil. Das kann Stress und Anspannung verstärken und uns unzufrieden machen.
Als ich eine Klientin bat, ihrer inneren Stimme einmal genau zuzuhören, sagte sie erschrocken: „Sie klingt wie meine Eltern!“ Manchmal finden sich in dieser inneren Stimme Sätze wieder, die wir schon aus unserer Kindheit kennen: „Du bist zu faul!“, „Du nervst!“, „Wie oft soll ich dir das noch sagen!“
Für Kinder haben die Worte wichtiger Bezugspersonen ein großes Gewicht. Solche Botschaften können verinnerlicht werden und prägen später unseren Umgang mit uns selbst. So entsteht das Muster, auch als Erwachsene noch streng, abwertend und unzufrieden mit sich zu sein, selbst dann, wenn andere uns loben.
Selbstkritik durch Selbstachtung ersetzen
Überzeugungen können sich durch wiederholte Erfahrungen und Botschaften verfestigen. Sie können sich durch neue Erfahrungen und andere Formen des inneren Umgangs mit sich selbst aber auch allmählich verändern.
Anstatt sich in schwierigen Momenten zu verurteilen, kann man sich Trost, Wärme und Mitgefühl schenken. Verständnis und Ermutigung lösen Anspannung und Angst, denn dann müssen wir uns nicht mehr gegen (Selbst-)Vorwürfe wehren.
Selbstachtung bedeutet dabei nicht, eigene Fehler oder Schwächen schönzureden. Im Gegenteil: Erst wenn wir aufhören, uns dafür abzuwerten, können wir ehrlich hinschauen und überlegen, was wir beim nächsten Mal anders machen möchten. Dabei müssen wir uns nicht selbst zum Gegner machen.
Eine Übung in Selbstachtung
Schritt 1
Wann immer Sie unzufrieden mit sich sind oder sich über Ihre Fehler ärgern, machen Sie sich bewusst, dass Sie sich damit selbst unter Druck setzen.
Schritt 2
Nehmen Sie die Stimme des inneren Kritikers wahr. Legen Sie dann Ihre rechte Hand auf den linken Brustmuskel – etwas seitlich oberhalb des Herzens – und lassen Sie die Hand dort sanft im Uhrzeigersinn kreisen. Diesen Bereich berühren wir manchmal intuitiv, etwa bei dem Satz „Hand aufs Herz“.
Diese Berührung kann helfen, innezuhalten und sich selbst wieder zuzuwenden. Manche Menschen empfinden dabei eine wohltuende Ruhe oder Wärme.
Schritt 3
Während Sie weiter mit der Hand kreisen, sprechen Sie im Stillen oder laut: „Auch wenn ich …, liebe, achte und schätze ich mich so, wie ich bin.“ Ergänzen Sie den Satz, durch etwas, das Sie an sich kritisieren, zum Beispiel: „Auch wenn ich in diesem Gespräch nicht so reagiert habe, wie ich es mir gewünscht hätte, liebe, achte und schätze ich mich, so, wie ich bin.“
Sagen Sie den Satz mit Wärme und Aufrichtigkeit. Sie werden spüren, ob er ehrlich gemeint ist.
Vielen Menschen wird das anfangs nicht leichtfallen. Die Gewohnheit, sich selbst abzuwerten, sitzt oft fest. Gerade deshalb lohnt es sich, an dieser Stelle etwas Neues auszuprobieren.
Wiederholen Sie den Satz langsam, während Sie weiter mit der Hand kreisen, und nehmen Sie dabei wahr, was sich in Ihnen verändert. Oft wird es nach einigen Wiederholungen warm ums Herz. Man fühlt sich angenommen, so wie man ist und ohne Bedingungen.
Was Selbstachtung bewirkt
Diese kleine Übung kann helfen, in belastenden Momenten aus der gewohnten Selbstkritik auszusteigen. Mit der Zeit kann daraus eine liebevolle Grundhaltung sich selbst gegenüber entstehen. Dann muss die Selbstkritik nicht mehr so viel Raum einnehmen.
Vielleicht möchten Sie die Übung zu einem täglichen Ritual machen, z.B. vor dem Schlafengehen oder beim morgendlichen Blick in den Spiegel?
Wer sich selbst achtet und annimmt, so wie er ist, wird gelassener, offener und zufriedener. Auch Veränderungen gelingen dann leichter, weil sie nicht mehr aus Druck entstehen, sondern aus innerer Stärke.
Und nicht zuletzt: Wer milder mit sich selbst umgeht, kann auch anderen mit mehr Verständnis und Wertschätzung begegnen.
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Als Diplom-Psychologin, Beraterin, Coach und Supervisorin inspiriert Anna-Maria Steyer Menschen, innere Klarheit, Leichtigkeit und stimmige Lösungen auch in schwierigen Situationen zu finden.
