Das Gedankenkarussell ist innerer Lärm, der entsteht, wenn sich Gedanken wiederholen und überschlagen. Es lässt sich verlangsamen, wenn man lernt, den Raum zwischen den Gedanken wieder wahrzunehmen. Eine kleine, überraschend einfache Übung kann dabei helfen und zu spürbar mehr innerer Stille führen.
Ein Gedankenkarussell erzeugt Stress
Im Alltag geraten Gedanken schnell in Bewegung. Ein Einfall führt zum nächsten, Erinnerungen mischen sich ein, mögliche Szenarien werden durchgespielt. Ehe man es merkt, dreht sich das Gedankenkarussell immer schneller.
Besonders deutlich wird das oft am Abend, etwa beim Einschlafen, wenn es im Außen ruhig wird und die Gedanken umso mehr Fahrt aufnehmen (siehe dazu auch meinen Beitrag Leichter einschlafen ohne Grübeln).
Diese Bewegungen im Kopf entstehen aus Gewohnheit, aus alten Mustern oder aus dem Bedürfnis, etwas klären zu wollen, das sich im Moment gar nicht klären lässt. Kleine impulshafte Gedanken können auf diese Weise zu ganzen Gedankenspiralen anwachsen.
So erzeugt das Gedankenkarussell einen hohen inneren Geräuschpegel und zieht viel Energie. Die Aufmerksamkeit verengt sich immer mehr auf das Denken, und es entsteht ein Gefühl von Druck und Unruhe, ohne dass sich im Außen etwas verändert hätte.
Das eigentliche Problem liegt weniger im Inhalt der Gedanken, sondern in ihrem ununterbrochenen Ablauf. Indem wir an den gedanklichen Inhalten festhalten und darauf fixiert sind, geben wir dem Gedankenkarussell immer weiter Schwung.
Gedanken sind nur Geräusche
Wird das Gedankenkreisen aber nicht immer wieder inhaltlich angefeuert, verlangsamt es sich von selbst. Das bedeutet, dass wir unseren Fokus weniger auf den Inhalt, sondern vielmehr auf etwas anderes richten müssen: auf den Raum zwischen den Gedanken.
Gedanken lassen sich mit Geräuschen vergleichen, wie sie auch außen auftreten. Sie erscheinen, ziehen vorbei und verschwinden wieder. Auch wenn sie sich oft überlagern, zeigt sich mit ihrem Vergehen für einen Moment, dass darunter etwas Ruhiges, Stilles liegt.
Diese Stille existiert auch in unserem Inneren. Sie bildet den Hintergrund, auf dem all die Gedanken stattfinden, und eröffnet einen Ort, an dem innere Ruhe spürbar wird.
Es mag überraschend klingen, aber wer bewusst auf Geräusche im Außen achtet, also achtsam wird, kann auf diese Weise Zugang zu dieser inneren Stille finden.
Das ist weniger paradox, als es scheint. Viele kennen die beruhigende Wirkung des Meeresrauschens oder die besondere Ruhe eines Waldspaziergangs. Naturgeräusche öffnen den stillen, inneren Raum oft von selbst.
Geräusche bewusst wahrnehmen – eine Übung für innere Stille
Aus dieser Erfahrung lässt sich eine kleine Übung ableiten, die sich jederzeit anwenden lässt – drinnen oder draußen, in Bewegung oder im Sitzen. Sie besteht darin, das Hören bewusst zu öffnen und die Geräusche der Umgebung wahrzunehmen.
Dabei geht es nicht um ein „Tun“, sondern eher um Zulassen. Manchmal sind es deutliche Geräusche (etwa das leichte Brummen des Kühlschranks, die Bewegung des PC-Lüfters, das Rumpeln des Straßenverkehrs oder ein Martinshorn), und manchmal nur ein kaum wahrnehmbarer Hintergrund (wie das Rascheln von Blättern oder das eigene Atemgeräusch).
Wenn sich die Aufmerksamkeit auf diese Weise ganz auf die Töne im Außen richtet, entsteht oft zeitgleich spürbar mehr Weite und Stille im Inneren.
Sobald diese Stille bewusster wird, verliert das Gedankenkreisen automatisch an Kraft. Die Aufmerksamkeit löst sich ein Stück vom Denken und kehrt in die Wahrnehmung zurück. Die Dringlichkeit der Gedanken nimmt ab, und das Gedankenkarussell wird langsamer oder hält sogar für eine Weile ganz an.
Das Gedankenkarussell verlangsamen: ein Moment zum Ausprobieren
Wer möchte, kann diese kleine Achtsamkeitsübung direkt nach dem Lesen dieses Beitrags ausprobieren. Einfach einen Moment innehalten und die Geräusche der Umgebung wahrnehmen, ohne ihnen Bedeutung zu geben.
Oft genügt schon eine halbe Minute des Horchens, und der innere Geräuschpegel sinkt etwas. Je länger man sich darauf einlässt, umso mehr kann man dem Gedankenkarussell die Geschwindigkeit nehmen und wieder mehr innere Ruhe spüren.
Als Diplom-Psychologin, Beraterin, Coach und Supervisorin inspiriert Anna-Maria Steyer Menschen, innere Klarheit, Leichtigkeit und stimmige Lösungen auch in schwierigen Situationen zu finden.
