Loslassen fällt oft schwer. Meist liegt der Blick dabei auf dem Problem selbst, auf dem inneren Knoten, der sich nicht lösen will. Dieser Beitrag öffnet eine Perspektive, die selten bedacht wird.
Warum loslassen schwerfällt
Manchmal bleibt man an etwas hängen, das einem nicht mehr guttut. Ein Arbeitsplatz, der nur noch auslaugt. Eine Beziehung, die schon lange mehr Energie kostet, als sie gibt. Oder angehäufte Dinge im Haushalt, die keinen Nutzen mehr haben und trotzdem noch da sind (siehe dazu auch Ausmisten und Ballast abwerfen für die Seele).
Irgendwann taucht der Gedanke auf, dass man eigentlich loslassen müsste, und ein Schritt nach vorne überfällig wäre. Der Verstand weiß, dass das besser wäre, doch das Gefühl hält am Vertrauten fest. Gewohntes hat einen starken Sog. Es verspricht Sicherheit, selbst dann, wenn es belastet.
In diesem inneren Hin-und-her merkt man, wie stark der Widerstand ist. Der Wunsch nach Veränderung ist da, doch etwas in einem zieht zurück. Und je länger dieser Konflikt anhält, desto fester scheint der Knoten zu sitzen, den man lösen möchte.
Loslassen – und dann?
Loslassen ist kein Ziel an sich. Wer nur auf das eigene Festgefahrensein oder den inneren Knoten schaut, bleibt oft in Gedanken darüber gefangen und verliert aus den Augen, wohin er eigentlich möchte.
Der entscheidende Punkt ist, dass Loslassen immer einen Blick nach vorn braucht. Es geht nicht darum, nur etwas loszuwerden, sondern darum zu wissen, was danach kommen soll. Ohne diese Orientierung bleibt das Loslassen schwer und der Knoten scheint sich nur noch zu verdichten.
Welche Richtung möchte man einschlagen und wofür möchte man diesen Schritt tun – vielleicht für ein Gefühl von Erfüllung, Freiheit, Leichtigkeit oder Freude? Die Sehnsucht nach diesem Ziel wird schließlich nach vorne ziehen und dabei helfen, den inneren Konflikt zu lösen.
Ein Klient von mir beispielsweise konnte sich viele Jahre nicht von einem belastenden Arbeitsplatz lösen. Er wusste nur, dass es für ihn so nicht mehr weitergehen konnte. Ihm war jedoch nicht klar, wohin er wollte. Erst als er sich fragte, welche Art von Arbeit ihn wirklich erfüllt und welche Lebensweise er sich wünscht, entstand nach und nach Klarheit. Diese Vorstellung zog ihn nach vorne und machte den Schritt zu einem neuen Arbeitgeber möglich.
Zwei Schritte, die Loslassen erleichtern
Um diesen Blick nach vorn greifbarer zu machen, können zwei einfache Schritte unterstützen.
Schritt 1: Das eigene Ziel klären
Statt gedanklich immer wieder bei dem zu landen, was belastet, lohnt es sich, etwas innezuhalten und sich zu fragen: Was wünsche ich mir stattdessen?
Vielleicht geht es um mehr Ruhe im Alltag, eine erfüllende Tätigkeit, ein freundlicheres Miteinander oder das Gefühl, wieder mehr bei sich selbst anzukommen.
Es hilft, die Antworten aufzuschreiben. Das macht klarer, worauf man wirklich zusteuert.
Schritt 2: Das gewünschte Gefühl erleben
Im nächsten Schritt fragt man sich: Wie möchte ich mich fühlen, wenn ich dort angekommen bin?
Vielleicht entsteht ein Gefühl von Erleichterung, Freiheit, Leichtigkeit, Stolz oder Freude. Wenn dieses Gefühl einen Augenblick lang bewusst zugelassen wird und die Augen kurz schließen dürfen, entsteht oft schon eine erste innere Bewegung.
Das Ziel beginnt nun, etwas in einem anzuziehen. Aus dem Druck „loslassen zu müssen“ wird ein natürlicher Schritt nach vorne, der weniger Kraft kostet.
Ein Blick nach vorn
Loslassen braucht Zeit und eine klare Richtung. Wer spürt, wohin er möchte und welches Gefühl dort wartet, findet eher den Mut für den nächsten Schritt.
Der innere Knoten mag noch da sein, doch die Bewegung nach vorn wird spürbarer. Manchmal entsteht sie fast unbemerkt. Ein Gedanke, ein Bild, ein Gefühl – und plötzlich öffnet sich ein kleiner Raum, der vorher verschlossen schien.
Darin kann Loslassen beginnen: nicht als Zwang, sondern als Folge davon, dass etwas Neues wichtiger geworden ist.
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Als Diplom-Psychologin, Beraterin, Coach und Supervisorin inspiriert Anna-Maria Steyer Menschen, innere Klarheit, Leichtigkeit und stimmige Lösungen auch in schwierigen Situationen zu finden.
