Verkehrte Welt? Wie wir Weltbilder ändern können

Verkehrte Welt? Wie wir Weltbilder ändern können

Ist das hier unsere Erde? Vermutlich sind Sie erst mal etwas irritiert, denn sie scheint verkehrt herum zu sein. Zumindest sieht es so aus. Aber ist das wirklich so? Steht die Erde hier Kopf oder sind nur innere Weltbilder verdreht?

Karten spiegeln innere Weltbilder wieder

Wussten Sie, dass sich die Darstellung der Erde auf Karten, so wie wir sie kennen, erst in der Renaissance eingebürgert hat? Bis ins Mittelalter waren diese noch kreisförmig angeordnet, wobei der Osten (Orient) meistens oben eingezeichnet wurde.

Diese Karten spiegelten das christlich-abendländische Weltbild jener Zeit wieder. Man stellte sich die Erde als eine Scheibe vor und richtete sich nach dem Orient aus, also nach Jerusalem und dem Heiligen Land. Im Zuge dessen entstand auch der Ausdruck „sich orientieren“ als Synonym für „sich zurechtfinden“.

Erst mit Entdeckung des Kompasses begannen Kartografen und Seefahrer die Karten nach dem Norden auszurichten. Nur, warum musste dieser „oben“ eingezeichnet werden? Die Erde ist rund und das Weltall ist ohne oben und unten.

Unser Wertesystem wird vertikal gedacht

Unser Wertesystem hat eine vertikal gedachte Ordnung. Das Wertvolle oder Wichtige steht in unserer Vorstellung oben, weniger Wertvolles unten. Diese Richtung erscheint uns selbstverständlich, zumal sie auch eng verbunden mit Begriffen und Redewendungen ist.

Etwas ganz Schlechtes beispielsweise nennen wir „unterste Kategorie“. Und wenn jemand Karriere macht, dann arbeitet er oder sie sich „nach oben“ beziehungsweise „steigt auf“.

Weltbilder bestimmen unser Handeln und geben Orientierung

Im späteren neuzeitlichen Europa fühlte man sich dann „dem Rest der Welt“ überlegen. So wurde in den Kartendarstellungen der Norden und damit auch Europa nach oben positioniert. Diese Konvention ist bis heute geblieben.

Auf arabischen Karten des Mittelalters war der Norden übrigens unten und der Süden oben, wie hier auf dem „verkehrten“ Globus. Aus der Perspektive der Araber war ihr südliches Land das Zentrale und wurde folglich oben dargestellt.

Weltbilder enthalten Glaubenssätze und Grundannahmen, die uns in der Regel nicht bewusst sind. Wir handeln danach, als sei ganz klar, was richtig und was falsch ist. Das gibt uns Halt und Sicherheit. Wir sind uns meist noch nicht einmal bewusst, dass es nur Annahmen und Denkgewohnheiten sind. Wir hängen an ihnen wie auch an anderen Gewohnheiten. Siehe auch meinen Beitrag zur Macht alter Gewohnheiten.

Hindernisse sind Chancen für neue Perspektiven

Stoßen wir aber im Leben an Hindernisse und kommen nicht weiter, dann bedeutet das, dass wir an unsere eigenen, einschränkenden Glaubenssätze stoßen. Man ist z.B. unglücklich am Arbeitsplatz, sieht aber zunächst keine Alternative. Oder es gibt einen Konflikt mit dem Partner oder mit den Kindern.

Meist versuchen wir, das unerwartete Hindernis „draußen“ zu beseitigen. Wenn das nicht gelingt, was oftmals der Fall ist, werden wir sozusagen gezwungen, nach innen zu schauen. Dann können sich die Glaubenssätze, die uns da im Weg stehen, offenbaren. Wir können sie als solche erkennen, überprüfen, korrigieren und die „weißen Flecken“ auf der inneren Landkarte ergänzen.

Dadurch werden die inneren Bilder mit der Zeit immer detailreicher und feiner. Es zeigen sich einem dabei oft Wege, die man vorher einfach nicht gesehen hat. So sind Hindernisse oder Krisen immer auch Chancen für mehr Selbsterkenntnis, für neue Perspektiven und dadurch für ungeahnte Lösungen.

Eine erfrischende Übung: Verirren Sie sich ruhig einmal

Die Fähigkeit, verschiedene Perspektiven einnehmen zu können und eigene Denkgewohnheiten und innere Weltbilder zu hinterfragen, lässt sich auf verschiedene Weise trainieren und erweitern. Und es kann viel Spaß machen.

Es kann zum Beispiel eine belebende Erfahrung sein, wenn man mal nicht den immer gleichen, gewohnten Weg zu einem bestimmten Ziel nimmt und dadurch neue Perspektiven bekommt. Sie könnten das schon auf Ihrem nächsten Nachhauseweg vom Arbeitsplatz ausprobieren.

Überraschende Blickwinkel und Einsichten eröffnen sich einem auch, wenn man einmal durch die eigene Stadt schlendert, als sei man Tourist. Man geht dann absichtlich durch unbekannte Straßen, betritt Geschäfte oder Lokale, die man noch nicht kennt und macht Fotos, so als ob es eine fremde Stadt wäre.

In einer tatsächlich fremden Stadt kann man sich bewusst ohne Stadtplan und Reiseführer auf den Weg machen. Wenn man in Kauf nimmt oder es sogar darauf anlegt, sich dabei auch zu verirren, kann man erstaunlich viel entdecken – über die Stadt und über sich selbst.

 

Dipl.-Psych. Anna-Maria Steyer

Dipl.-Psych. Anna-Maria Steyer, Beraterin, Seminarleiterin und Supervisorin inspiriert in ihrer Arbeit Klienten und Kunden, ihre innere Leichtigkeit wiederzuentdecken und kraftvolle Lösungen in schwierigen Situationen zu finden.