Ein kurzer Weg zu innerer Stille

Ein kurzer Weg zu innerer Stille

Meistens haben wir schon im normalen Alltag den „Kopf voll“. Bei Stress sieht es da aus wie auf einem Rummelplatz. Gedanken überschlagen sich, drehen und wiederholen sich und der innere Lärmpegel ist hoch. Man kommt im Kopf nicht zur Ruhe. Stellen Sie sich nun vor, wie es wäre, wenn Sie ohne besonderen Aufwand Ihr Gedankenkarussell sofort spürbar verlangsamen könnten?

Das Gedankenkarussell macht Stress

Doch zunächst: Woher kommt der innere Lärmpegel? Er ist zum einen die Folge von Stress, aber zum anderen erzeugt er seinerseits auch Stress. Die meisten Menschen denken, Stress käme von außen. Doch außen gibt es nur Ereignisse. Die haben für sich genommen keine Bedeutung. Erst wir verleihen ihnen eine, indem wir sie interpretieren und bewerten. Das läuft automatisch ab und ist den meisten nicht einmal bewusst.

Je mehr wir etwas als „stressig“ bewerten, umso stärker ist die Stressreaktion des Körpers. Je mehr Stresshormone sich dann im Blut befinden, umso mehr neigen wir zu stressenden Gedanken. Diese wiederum befeuern die Ausschüttung weiterer Stresshormone und so weiter. Dies ist ein regelrechter Teufelskreis, der zu chronischer Anspannung führt. Wir haben dann keine Präsenz mehr, sind nur noch im Kopf.

Viele Menschen sind an ihren Anspannungszustand schon so gewöhnt (s.a. Die Macht alter Gewohnheiten), dass sie sich auch in äußerlich völlig ruhigen Zeiten, stressige Gedanken machen. Sie sagen sich dann z.B.: „Ich kann jetzt nicht entspannen, ich muss noch dies und jenes erledigen“.

Weitere Gedanken erzeugen weiteren Stress

Wer schon einmal versucht hat, den Lärm im Kopf durch Vorsätze zu beenden, wie z.B.: „Ich müsste entspannen können!“, hat vermutlich festgestellt, dass sich dadurch nichts ändert. Solche und ähnliche Sätze sind ja nur weitere unproduktive Gedanken.

Zudem kommt auch noch oft die Vorstellung hinzu, man müsse erst mal aufwändige Entspannungstechniken erlernen, um innere Ruhe zu finden. Dadurch wird bloß die subjektive Aufgabenliste noch voller und der Druck bzw. das schlechte Gewissen größer. Weitere Gedanken dieser Art erzeugen weiteren Stress.

Gedanken sind nur Geräusche in der Stille

In meinem Beitrag Klang der Stille beschreibe ich ein überraschendes Stille-Erlebnis in einer langen persönlichen Stressphase. Wie konnte es gelingen? Ich war zu dem Zeitpunkt einfach zu erschöpft, um dem Gedankenkarussell weiteren Schwung zu geben und ich habe meine Müdigkeit endlich ernst genommen. Der Lärm in meinem Kopf wurde allein dadurch schon spürbar leiser. Beim anschließenden Waldspaziergang machte ich dann die beschriebene intensive Stille-Erfahrung.

Gedanken sind wie Geräusche in stiller Umgebung. Wenn wir an ihnen nicht festhalten, dann verflüchtigen sie sich, so wie sie gekommen sind. Die Stille, die wir gewöhnlich draußen suchen, ist in Wahrheit die Stille in unserem Inneren. Es ist der stille Hintergrund, auf dem all die Gedanken stattfinden können.

Außengeräuschen lauschen und innere Stille finden

Es mag überraschend und paradox klingen, aber Achtsamkeit für Geräusche im Außen kann eine wertvolle Hilfe sein, um diese innere Stille zu finden. Man kann das Geräusch-Meditation nennen oder Übung in Präsenz.

Für Meditation müssen Sie nicht im Schneidersitz auf dem Boden sitzen. Sie dürfen das natürlich gerne tun. Eine regelmäßige Meditationspraxis hat erstaunliche Effekte.

Sie können ohne Aufwand bei jeder Gelegenheit und an jedem Ort Ihre Aufmerksamkeit auf die Umgebungsgeräusche lenken und dadurch „den Kopf frei kriegen“. Mehr ist nicht zu tun. Das lässt sich am Arbeitsplatz machen, im Auto, beim Abwasch in der Küche oder in der Warteschlange im Supermarkt.

Lauschen Sie jetzt!

Sie meinen vielleicht, das klingt zu einfach und Sie können es sich nicht vorstellen? Probieren Sie es aus!

Wenn Sie also den letzten Satz hier gelesen haben, denken Sie nicht nach, ob das alles stimmen könnte und ob es was für Sie wäre und wann Sie eventuell mal damit anfangen könnten, sofern Sie mal die Zeit hätten … und weitere Denkgewohnheiten dieser Art. Erlauben Sie sich eine neue Erfahrung und erleben Sie es – jetzt!

Lauschen Sie zum Beispiel jetzt dem Summen Ihres PCs. Folgen Sie diesem Geräusch eine Weile. Vielleicht ist es nicht so prägnant und Sie nehmen stattdessen deutlicher Ihr Atemgeräusch wahr? Achten Sie dann einfach darauf. Es klingt beim Einatmen etwas anders als beim Ausatmen. Verweilen Sie ein paar Züge lang beim Atemgeräusch.

Beobachten Sie dann, was in Ihrem Inneren passiert ist. Genießen Sie den stillen Raum, der sich da zwischen den Gedanken  zeigt. Wenn Sie diese kleine Technik öfter anwenden, werden Sie feststellen dass sie bald zu einer neuen Gewohnheit (s.a. Lösen aus dem Sog einer Gewohnheit) wird. Die innere Stille wird dadurch öfter und noch deutlicher hervortreten und das Gedankenkarussell wird langsamer werden.

 

Dipl.-Psych. Anna-Maria Steyer

Dipl.-Psych. Anna-Maria Steyer, Beraterin, Seminarleiterin und Supervisorin inspiriert in ihrer Arbeit Klienten und Kunden, ihre innere Leichtigkeit wiederzuentdecken und kraftvolle Lösungen in schwierigen Situationen zu finden.