Die Macht der Erwartungen: Wir haben es in der Hand

Die Macht der Erwartungen: Wir haben es in der Hand

Der Placebo-Effekt und die Macht der guten Erwartungen sind vermutlich vielen ein Begriff. Aber wissen Sie, was ein Nocebo-Effekt ist? Damit ist die Auswirkung gemeint, wenn wir etwas Negatives erwarten. Wir sind dem viel öfter ausgesetzt als wir denken. Im Beitrag gibt es Beispiele für beide Effekte. Und es geht um die Frage, was man tun kann, wenn man mit beängstigenden Nachrichten konfrontiert wird.

Der Placebo-Effekt und die Selbstheilungskraft

Als Placebo bezeichnet man eine Substanz, die keinen pharmakologischen Wirkstoff enthält. Die Betreffenden halten dieses Mittel aber für eine wirkungsvolle Arznei. Placebo-Effekt nennt man die lindernde oder heilende Wirkung dieser vermeintlichen Arznei.

Dieser Effekt wird besonders deutlich bei Mitteln gegen Schmerzen oder Depressionen. In Studien mit verschiedenen Antidepressiva verschwanden die Symptome bei bis zu 80% der Probanden, die nur das Placebo erhalten haben.

Wie kann das sein? Es zeigte sich, dass der Körper sein eigenes Antidepressivum erzeugen kann. Wir wissen zwar noch nicht, was genau im Körper geschieht. Aber wir wissen, dass die positive Erwartung der Beteiligten für den Placebo-Effekt entscheidend ist.

Die Macht der positiven Erwartungen

Man hat Untersuchungen gemacht, in denen man die Testpersonen sogar über das Placebo aufgeklärt hat. Zum Beispiel wurden Probanden mit Reizdarmsyndrom informiert, dass das Mittel nur so etwas wie Zuckerpillen ist. Zudem hat man ihnen gesagt, dass es auf dem Markt momentan kein besseres Mittel gäbe. Es sei in zahlreichen Voruntersuchungen den anderen Medikamenten weit überlegen gewesen und habe die Symptome gut lindern können.

Was meinen Sie wohl, wie die Ergebnisse waren? In seinem informativen und spannenden Buch Du bist das Placebo schreibt Dr. Joe Dispenza: „Nach drei Wochen waren in der Placebo-Gruppe die Symptome bei doppelt so vielen Patienten zurückgegangen wie in der Kontrollgruppe.“ Diese hatte gar keine Pillen bekommen.

In dem o.g. Buch trägt der Autor übrigens eine Fülle solcher Beispiele zusammen. Er zeigt auch, wie wir die Macht der Erwartungen für uns positiv nutzen können. Sehr lesenswert ist auch der Beitrag Ohne Placebo-Effekt wirkt Morphium viel schwächer auf der Homepage des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Der Nocebo-Effekt: Die Macht der negativen Erwartungen

Die Macht der Gedanken auf den Körper ist immens. Das zeigt auch der Nocebo-Effekt. Er ist sozusagen die Kehrseite des Placebo-Effekts. Er tritt im Alltag sehr viel häufiger auf, als uns bewusst ist.

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie zum Beispiel beim Zahnarzt das Starten des Bohrers hören? Also noch bevor der Arzt mit dem Bohren begonnen hat? Und wie ging es Ihnen in der Schule, als es überraschend hieß, dass gleich ein Test geschrieben wird? Wurde Ihnen mal Blut abgenommen? Können Sie sich noch erinnern, wie Sie reagiert haben, als die Arzthelferin ankündigte: „Achtung, es wird gleich etwas piksen!“?

Vermutlich spannten Sie in all diesen Fällen in Erwartung des unangenehmen Ereignisses innerlich an. Wenn der Körper aber schon bei so harmlosen Informationen mit Anspannung reagiert, was passiert dann, wenn das erwartete Ereignis sehr beängstigend ist?

Wie sich negative Erwartungen auf die Gesundheit auswirken

Hier sind einige Beispiele. Eine britische Studie konnte zeigen, wie Angst zur selbsterfüllenden Prophezeiung führt. Ältere Menschen, die Angst vor Stürzen hatten, erlitten nämlich häufiger einen solchen Unfall als Senioren ohne Angst davor.

Bei manchen Krebs-Patienten tritt bereits auf dem Weg zur Chemotherapie Übelkeit auf. Einige müssen sogar erbrechen. Der Effekt kommt hier gar nicht von der Chemikalie. Vielmehr löst die Angst vor dem Mittel diese Reaktion aus.

Viele Untersuchungen belegen auch, dass Medikamente häufiger Nebenwirkungen zeigen, wenn die Patienten davor gewarnt wurden. Selbst Probanden aus der Placebo-Gruppe entwickelten zum Teil die erwarteten Nebenwirkungen. Aber auch ärztliche Prognosen zum Verlauf einer Erkrankung können eine Menge im Patienten anrichten, ohne dass es beabsichtigt gewesen wäre.

Wie kann das sein? Wenn eine Mitteilung von einer Person oder Institution kommt, die als Autorität wahrgenommen wird, schenkt man ihr unbewusst Glauben. Man hinterfragt in dem Augenblick ja nicht die Daten. Man prüft auch nicht, ob sie korrekt interpretiert wurden und ob es vielleicht ganz anders sein könnte. Vielmehr reagiert man automatisch auf die negative Prognose.

Anspannung und Angst sind kurzfristig kein Problem. Wenn ein solcher Zustand aber länger andauert, setzt er nachweislich die Leistungsfähigkeit des Immunsystems herab. Siehe dazu z.B. den Artikel Wie die Psyche das Immunsystem beeinflusst in der Apotheken Umschau.

Guter Umgang mit schlechten Nachrichten

Was bedeutet das nun für den Alltag? Was kann man tun, wenn es in den Medien viele schlechte Nachrichten gibt? Diese werden ja meist auch noch mit erschreckenden Bildern und emotionalen Beispielen von persönlichen Schicksalen präsentiert. Dadurch gehen sie einem direkt „unter die Haut“.

Gewahrsein üben

Der beste Schutz ist Gewahrsein. Das bedeutet, etwas betrachten zu können, ohne automatisch gefühlsmäßig darauf zu reagieren. Dadurch haben wir es in der Hand, ob etwas negativ, positiv oder gar nicht wirkt.

Wenn Sie also künftig negative Nachrichten hören, achten Sie auf Ihre Reaktion. Benennen Sie gedanklich, was Sie bei sich wahrnehmen, zum Beispiel: „Ah! Jetzt wird mir langsam mulmig.“ Oder: „Ich merke, wie ich anfange, mir schlimme Szenarien vorzustellen.“

Damit schon distanzieren Sie sich innerlich, denn Sie überlassen die Reaktion nicht Ihrem Unbewussten. Das erfordert erst mal Konzentration. Sich Sorgen zu machen ist man dagegen gewohnt.

Bleiben Sie dann beim reinen Beobachten. Wenn Sie sich nicht dazu verleiten lassen, sich anschließend Schlimmes auszumalen („Stell Dir nur mal vor, wenn das und das passiert!“ oder: „Es gibt nichts Schlimmeres als das“), durchbrechen Sie den Mechanismus von Erwartung und selbsterfüllender Prophezeiung.

Den Blick weiten, Informationen einholen

Verunsicherung und Angst haben nämlich auch zur Folge, dass der Blick enger wird. Das erweist sich als sinnvolle Einrichtung der Natur, wenn ein Angreifer vor einem steht.

Wenn wir es aber mit lediglich vermuteten Gefahren zu tun haben, stellt der verengte Blick ein echtes Hindernis dar. Er führt zu einem Hochschaukeln der Stressreaktion. Die hat dann die oben beschriebenen Folgen.

Es fällt einem daher zunächst gar nicht auf, dass man eine Wahlmöglichkeit hat. Daher ist es gut, sich eine gesunde Skepsis zu bewahren statt blind zu glauben. Man kann zum Beispiel eine Zweitmeinung einholen. Man kann Fragen stellen, auch infrage stellen und diskutieren.

Das ist besonders dann wichtig, wenn die Mitteilungen und Prognosen von sogenannten Autoritäten kommen. Auch die sind sich oft nicht einig. Und viele wissen das alles gar nicht so genau, wie es scheint.

Kraftspendendes suchen

Wenn beängstigende Nachrichten zu viel werden, kann man sich auch selbst beschränken. Es ist ausreichend, nur Informationen aufzunehmen, die für das eigene Handeln notwendig sind.

Man kann seinen Blick stattdessen auf persönliche Kraftquellen richten. Mit Techniken wie der leichten 4-6-Atemübung oder der Dankbarkeitsübung kann man sich ohne viel Aufwand von innen her stärken. Und man kann gezielt innere Stille suchen statt sich in einem kraftraubenden Gedankenkarussell zu verfangen.

Die Macht der Erwartungen? Wir haben es in der Hand, was wir aus Informationen machen.

 

Dipl.-Psych. Anna-Maria Steyer

Dipl.-Psych. Anna-Maria Steyer, Beraterin, Trainerin und Supervisorin inspiriert ihre Klienten und Kunden, innere Leichtigkeit wiederzuentdecken und kraftvolle Lösungen in schwierigen Situationen zu finden